Mit Makar Pron hat die Kanusport-Gemeinschaft Essen wieder einen jungen und talentierten Canadierfahrer in ihren Reihen
Seit gut einem Jahr starten in der großen Kanu-Flotte der KG Essen nicht nur Kajakfahrer- und Fahrerinnen, sondern auch wieder ein junger und offensichtlich sehr talentierter Canadierfahrer: Makar Pron. Besondere Umstände waren es, die letztendlich dazu führten – der Ukraine-Krieg. Aufgewachsen in Poltava in der Zentralukraine, hatte der nunmehr 16-jährige Makar schon gut drei Jahre Kanusport auf Leistungssportniveau dort betrieben.
Und natürlich erinnert er sich noch allzu gut an die Situation Ende 2023, als sein Vater ihm entscheiden sagte „die Situation hier wird immer schwieriger. Du musst hier weg und nach Deutschland!“ Und genauso gut erinnert sich Makar an seine Antwort „nein, auf keinen Fall gehe ich weg“. Der, der sich aber durchsetzte, war sein Vater. Und der es schaffte, innerhalb von nur zwei Wochen alle Papiere zu beschaffen, dass Makar in Begleitung seiner Oma (die anschließend wieder zurück in die Ukraine fuhr) nach Deutschland reisen konnte. Im Raum Bonn war da schon seine Mutter mit der kleinen Schwester untergekommen; die Mutter hatte zuvor bei zwei Reisen die Lage sondiert. Zunächst in einem Hotel untergekommen, hatte sich für Mutter und Tochter durch Zufall ergeben, auf eine Frau zu treffen, die helfen wollte und auch eine Wohnung zur Verfügung stellen konnte. Das war Gabi (Panczyk), die sich für die junge Familie als Glücksfall erwies und auch bei allen anstehenden Aufgaben und Amtsgängen eine mehr als große Hilfe war. Und die auch mit ihrer Partnerin Barbara (Kirsch) dann recherchierte, wo Makar weiter Kanu-Leistungssport betreiben könnte. Und letztendlich den Kontakt auf nahm zu Annika Gierig, der Bundesstützpunktleiterin hier in Essen. „Ja Gabi ist hier jetzt meine zweite Oma“, sagt Makar. Annika Gierig nennt sie „Gastmutter“.
Das erste Treffen dann folgte hier am Baldeneysee Anfang letzten Jahres. Und schnell wurde klar, dass man versuchen wollte, dem jungen Sportler zu helfen. Der seine erste eigene Entscheidung hier in dem fremden Land fiel und sich entschied, die nächste Trennung von der Familie -sprich Mutter in Bonn- in Kauf zu nehmen, um hier in Essen seinen Sport ausüben zu können. Ebenso schnell wurde klar, wie viele Hürden es geben und wie schwer es sein würde, alles zu regeln. „Makar stand hier so gut wie mit nichts. Wir mussten viel regeln und alles zusammenkratzen, um es irgendwie hinzubekommen“, erzählt Annika Gierig. Schon kurz vor dem Aufgeben war dann nach vier Monaten alles in trockenen Tüchern: die Aufnahme in der UNESCO Schule und die Unterbringung im Essener Sportinternat. Dies Dank der Unterstützung durch die Margareta Moritz-Stiftung der Stadt Essen, Stefan Settelmayer und dem gemeinnützigen Verein „Olympic Talents Ruhr e.V.“, Trainingslagerfinanzierung der KGE und auch einer Crownfunding-Aktion, bei der viele Eltern über die Grenzen Essens hinaus auch Trainingskleidung spendeten, wie Geldmittel bereitstellten, „wovon mein erstes Paddel gekauft wurde“, wie Makar stolz berichtete.
Das kam dann im letzten Jahr bei der ersten Regatta in Herdecke zum Einsatz, wo Makar den zweiten Platz im 500m-Einer belegte. Kritisch wurde es vor den NRW-Meisterschaften war Makar krank. Ein Start verbunden mit guter Leistung waren aber enorm wichtig für eine Aufnahme in den Landeskader und damit verbundene Förderungen der Sportstiftung NRW. Makar startete und bestand tatsächlich den Kadertest. Von da an ging es sportlich weiter bergauf. Bei den Deutschen Meisterschaften wurde er 2024 zweiter im B-Finale. „OK, so schlecht war das nicht“, blickt er schmunzelnd zurück.
Ein sportlicher Aufwärtstrend, der sich auch in diesem Jahr fortsetzte. Nach Siegen auf der internationalen Frühjahrsregatta hier in Essen stand Makar Pron auch bei den Landesmeisterschaften in Köln gleich vier Mal ganz oben auf dem Treppchen. An ihm gab es einfach für die Konkurrenz kein Vorbeikommen über 200m, 500m, 1.000m und 5.000m. Besser hätte es nicht laufen können. Gefeiert wurde er natürlich von Mutter Valentina, Schwester Sascha und natürlich auch Gabi und Barbara, die aus Bonn optimal ausgerüstet mit T-Shirts und Foto von Makar zum Fühlinger See gekommen waren, um ihren Helden anzufeuern.
Für den jungen Sportler auch eine emotionale Situation, denn seine Mutter in Bonn sieht er so einmal im Monat. Wann, wie und unter welchen Umständen er seinen Vater sehen wird, steht in den Sternen. Der kann nicht ausreisen und muss in Bereitschaft stehen, als Soldat zum Einsatz zu kommen. Mit ihm in der Ukraine telefoniert er aber alle zwei Tage. „Wir haben zunächst jeden Tag telefoniert, aber so viel gibt es dann doch nicht immer zu erzählen. Daher ist alle zwei Tage gut“, erklärt Makar.
Natürlich fehlt ihm hier in Essen in erster Linie die Familie, aber auch seine Sprache auf der Straße zu hören. Natürlich auch die engsten Freunde aus Kanu-Kreisen, mit denen er aber ebenso häufig telefoniert. Und Makar gibt zu, dass die ersten sechs Monate hier sehr hart und schwer waren ohne Familie und Freunde, er häufig traurig war. Nun aber „fühle ich mich perfekt hier!“ Er ist offensichtlich angekommen und voll integriert in das Vereinsleben. Was er besonders schätzt, „sind die Regeln hier. Hier gibt es gar kein Chaos“. Und man kann sicher sein, dass er zum neuen Schuljahr auch den Wechsel von der UNESCO Schule zur Elsa Brandström-Realschule als Partnerschule des Sports schaffen wird. Es ist bis jetzt schon mehr als beeindruckend, was er alles, auch sprachlich so hinbekommen hat! „Und da wird sich mein Deutsch weiter verbessern“.
Auf seine zukünftigen sportlichen Ziele und auch Träume angesprochen, sieht man ein Leuchten in den Augen von Makar Pron. „Einmal eine olympische Medaille gewinnen“, ist die klare Antwort. Verbunden durchaus mit Realismus. „Aber das ist irgendwann. Erst aber stehen in diesem Jahr noch die Deutschen Meisterschaften an. Da möchte ich eine Medaille, vielleicht auch einen Titel gewinnen. Und mich damit für die Olympic Hope Games (in Racice/Tschechien) qualifizieren und da sehen, wo ich international stehe. Und mich im nächsten Jahr dann in die deutsche Junioren-Nationalmannschaft fahren“.
Eines ist auf jeden Fall ist sicher, bei der „Deutschen“ Ende August in Köln werden wieder Mutter Valentina, Schwester Sascha Zweit-Oma Gabi und Barbara am Ufer stehen, um ihn anzufeuern! Vielleicht in neuen Shirts, wie sie schon angedeutet haben.
Und eines ist auch für Bundesstützpunktleiterin Annika Gierig klar: „Es war ein großer Aufwand. Aber diesen Aufwand würde ich, würden wir immer wieder in Angriff nehmen, um jemanden wie Makar Pron in unseren Reihen zu haben. Wir sind sehr stolz auf ihn“.




